Abschied vom Realsozialismus. Nachruf auf das DDR-zeitliche Bucher Ortszentrum   



Demnächst wird mit dem Abriss des DDR-zeitlichen Wohngebietszentrums der Großwohnsiedlung Buch begonnen. An dessen Stelle entsteht bis 2004 das „Schlosspark-Center“ sowie eine Einkaufspromenade. Der verkommene Zustand lässt einen zu schnell den Abriss kritiklos befürworteten. Man sollte jedoch genauer hinschauen: In den 1960er Jahren und 1973-86 entstand unter der Gesamtleitung des Chefarchitekten der Hauptstadt der DDR Roland Korn das Neubaugebiet Berlin-Buch. Etappenweise wurden die Wohnkomplexe Buch I bzw. Buch II- IV in Plattenbauweise der Serien WBS 70 und QP 71 errichtet, allein letztere Komplexe waren für etwa 17000 Einwohner geplant. Parallel entstand an der Wiltbergstraße eine Fußgängerzone mit „Wiederverwendungsobjekten gesellschaftlicher Einrich- tungen“, allgemein übliche Versorgungs-Typenbauten der Serie SK Berlin in Stahlbeton-Skelett- montagebauweise. Befinden sich in den einzelnen Wohnkomplexen eigene Kindergärten und teilweise Schulen und Kaufhallen, wurden hier öffentliche Einrichtungen und besondere Versorgungseinrichtungen geballt. Um eine Platzanlage mit strengem Betonplatten- und Blumenkübelraster sind ehemaliges Dienstleistungsgebäude, Gaststätte „Parkblick“ und

 
Post gruppiert. Die überzeugendste Architektur zeigt das ehemalige Dienstleistungsgebäude mit Bibliothek und Jugendclub, ein zweigeschossiger Plattenbau, der sich zum Platz hin öffnet mittels großer Fensterflächen im Erdgeschoss, umlaufendem Fensterband im Obergeschoss und einem vorgelagerten Umgang mit kräftig ausgearbeiteter Treppe. Die Qualität des Gaststättenbaus liegt in seinen großzügigen, über dem Platz erhöhten Terrassen, die den Bau zweiseitig umfassen. Im Gegensatz zu diesen platzwärts gerichteten Gebäuden kehrt die Post ihre geschlossene Seitenfassade dem Platz zu. Sie war als Sonderbau neben der Hauptpost von Marzahn jenes Postgebäude, das als modernes Beispiel auf einer Briefmarke geehrt wurde. Die Fußgängerzone führt zu einer größeren Kaufhalle vom Typ 1500 Berlin, die wie der „Parkblick“ als nüchterner Plattenbau mit VT-Faltendach ausgeführt wurde. Davor steht die Plastik einer Mutter mit Kind von Günter Rommel, eine typische DDR-Plastik, wie sie an verschiedenen Stellen in den Grünanlagen Buchs anzutreffen ist.

Obwohl die Typenbauten oft fast jegliche gestalterische Motivation vermissen lassen, erkennt man das Konzept eines verkehrsberuhigten Versorgungs- und Freizeitzentrums, das jedoch nicht immer städtebaulich-gestalterisch überzeugend durchgehalten wird. Dennoch geht mit dem Abriss ein typisches Zentrum eines DDR-zeitlichen Plattenbau-Wohngebietes verloren. Noch findet man andernorts in Berlin, wie in den Wohnkomplexen Fennpfuhl oder Greifswalder Straße, solche Ensembles, doch auch hier hat die Umgestaltung begonnen. Daher sollte der Bestand dieser unbeachteten Zeugnisse der DDR-Architektur und des DDR-Alltags aufgearbeitet und historisch wertgeschätzt werden, bevor alle Beispiele verloren gegangen sind.


Martin Petsch M.A. - Kunsthistoriker und Mediävist
© 2009-14 Petsch

This template is designed by cotterjerry@eircom.net and supplied by WebDesignHelper.co.uk


HOME PERSON PROJEKTE PUBLIKATIONEN TEXTE LINKS KONTAKT